|
|
julean a. simon
wie sich das denken im koerper die mitte sucht... embodiment-Tagung Vogelbach/Freiburg, 9.6.2011 |
Abstrakt
|
Der Versuch das Erlernen einer koerperlichen Faehigkeit in seinen Details und Phasen an sich selbst zu beobachten und in den Kontext des Embodimentansatzes zu stellen. Im Verlauf des Selbstversuchs entwickeln sich mehrere Teilkonzepte, die sich deutlich von der etablierten Theorie unterscheiden:
|
Background: ApplikationsInterfaces
Selbstversuch: Slacklining
|
Jedes Projekt entsteht in einem Kontext und der ist bei mir u.a. die langjaehrige Beschaeftigung mit der Architektur und Komplexitaet von Applikationsschnittstellen. Ich stelle fest:
Daher koennte es aufschlussreich sein, sich diese "analogen" Faehigkeiten etwas genauer anzusehen, wie wir sie erlernen und mit welchen Modellen und Vorstellungen wir dabei arbeiten. Ich habe dazu waehrend der vergangenen Monate einen Selbstversuch unternommen, bei dem ich beobachten wollte, wie man eine neue Faehigkeit erwirbt. Ich waehlte dazu das Seiltanzen. Und dafuer gibt es eine moderne Form, das "Slacklinen", das noch etwas schwieriger ist, da man eine lose schwingende Leine verwendet. Ich habe also eine Slackline bei ebay ersteigert und sie quer durchs Zimmer gespannt. Es ging mir nicht darum moeglichst schnell zu lernen, sondern eher moeglichst langsam, damit das Beobachten mit dem Lernen schritthaelt. Ich habe mit unterschiedlichen Versuchsszenarien und Uebungsverfahren experimentiert, den Uebungsverlauf protokolliert und kommentiert und parallel dazu in verschiedensten Literaturbereichen gestoebert. Der vorliegende Text ist heterogen, indem er Beobachtungen und Kommentare aus den Protokollen zusammenfasst, die mir als relevant fuer das Lernen erscheinen. |
| Thesen | Aus einem wissenschaftlichen Objektivitaetsanspruch heraus muesste ich vornweg zugeben, dass die Formalisierung und laufende Reflexion dieses Selbstversuchaufbaus den zu beobachtenden Lernprozess vermutlich beeinflusst. Aber meine erste These waere, dass dies nicht untypisch fuer Lernen ist: Lernen hat den Charakter eines Selbstversuchs und arbeitet mit Formalisierung, Systematisierung, Thesenbildung, Modellbildung, Feedback, Reflexion. Meine zweite These verschaerft die erste hinsichtlich der Beteiligung kognitiver Mechanismen und wendet sich gegen die verbreitete Ansicht, dass es im wesentlichen der Koerper waere der Balancieren lernt. Vielmehr ist der Koerper eine Vorstellung (also ein kognitiver Prozess) anhand derer sich das Prinzip der Balance nicht nur verwirklicht, sondern auch veranschaulicht. |
SlacklineMix, Mauser, GibbonJuniorTeam
Physikal. Modell |
Aber ich moechte hier zunaechst den konventionellen Ansatz skizzieren. Wenn wir vor einer neuartigen Situation stehen - wie z.b. dieser Slackline - haben wir verschiedene Vorstellungen oder Modelle, anhand derer wir uns orientieren. z.b.:
... und viele weitere Modellvorstellungen koennen Orientierungen liefern. Sehen wir uns unsere StandardModelle genauer an, z.b. das physikalische Modell: Eine Slackline wird an zwei Punkten montiert, die die Achse ihrer Schwingung bilden. Wir koennen uns des physikalischen Modells eines Mehrfachpendels bedienen um das Problem zu beschreiben. Das Doppelpendel ist ein Pendel an dessen Arm ein zweites Pendel montiert ist und gerne zur Demonstration chaotischen Verhaltens verwendet wird. Es erzeugt ein unvorhersehbares Bewegungsmuster, welches exponentiell auf Störungen reagiert. In manchen Zustaenden dieses Pendels genuegen minimale Aenderungen um den weiteren Verlauf des Pendelns signifikant zu veraendern. Es handelt sich um ein nichtlineares System, das analytisch nicht zu loesen ist. Die Vorspannung der Leine, Position und Gewicht des Slackliners, die Laenge und die Dehnungseigenschaften der Leine bestimmen die Distanz des Standpunkts von der Achse. Diese Distanz waere unser erstes Pendel. Der Slackliner bildet ein sekundaeres, invertiertes Pendel. Koerperteile die Ausgleichsbewegungen durchfuehren, stellen weitere Pendel dar. Beim Slackliner handelt es sich um raeumliche Pendel, deren Laengen und Trajektorien veraendert und deren Bewegungen beschleunigt werden koenen. Der Slackliner nutzt diese Moeglichkeiten um kumulativ (Gesamtheit aller Veraenderungen) und rekursiv (unter Verwendung von Feedback) Stabilitaet zu kontrollieren. Variation in der Installation bezueglich Hoehe und Laenge der Leine, deren Spannung, Dehnungskoeffizient und Breite der Leine ergeben bereits unterschiedlichste Bedingungen. Werden diese Bedingungen auch nur geringfuegig veraendert, so zeigt das System andere Schwingungseigenschaften, die insbesondere dem Anfaenger (wie mir) grosse Schwierigkeiten bereiten. Wenn er es erstmal schafft einige Sekunden auf der Leine zu stehen, wird klar, dass er sich in einem aeusserst instabilen Zustand befindet, den er mittels exzessiver, oft ineffizienter und kontraproduktiver Ausgleichsbewegungen zu kontrollieren versucht. Wir sind im Reich physiologischer Modellvorstellungen angelangt: |
Physiol. Modell |
Zum Verstaendnis der Grundlagen und Zusammenhaenge menschlicher Bewegung ist zunaechst Aristoteles interessant, der in seinem Buch ueber die Bewegung der Tiere schreibt: der Ursprung der Bewegung ist die Ruhe: wenn sich ein Tier bewegt, muss irgendein Teil des Tiers unbewegt sein. Daher sind Gelenke notwendig, damit sich ein Teil gegenueber einem anderen bewegen kann. Damit sich ein Tier bewegen kann, muss es ausserhalb des Tiers ein widerstaendiges Medium geben (so wie sich ein Boot bewegt indem es gegen den Widerstand des Wassers gerudert wird). Auch bei Feldenkrais (Body and Mature Behavior, 1947) gibt es dazu aufschlussreiches: Damit ein Koerper sich bewegen kann, muss er aus verschiedenen Teilen bestehen, die unterschiedliche Masse haben, denn waeren die Massen gleich, wuerden sich Bewegungen gegenseitig ausloeschen. Fuer Feldenkrais ist die Schwerkraft zentral fuer das Verstaendnis von Bewegung. Er widerspricht der Theorie, dass Hominiden den aufrechten Gang entwickelten, um die Haende frei zu haben, oder besser ueber die freie Savanne laufen zu koennen (oder wie Sloterijk sagt, dass wir dadurch zu Horizontbeobachtern werden). Feldenkrais sagt, indem die Koerpermassen uebereinander angeordnet werden, speichert der aufrechte Stand/Gang potentielle Enegie und reduziert das Traegheitsmoment bei Drehung. Dadurch ist es moeglich 1. Energie in Aktivitaetspausen zu speichern, 2. in kuerzester Reaktionszeit abzurufen und 3. in alle Richtungen einzusetzen. |
| Wie lernen? | Unsere dominant objektzentrierte Weltsicht verleitet uns offenbar dazu, bei Aufgabestellungen wie dem Slacklinen etwa die physische und physiologische Komplexitaet aus entsprechenden Modellvorstellungen abzuleiten. Ich habe sie Standardmodelle genannt, da sie die Grundlagen z.b. der Sportphysiologie bilden, nach welchen auch Kinder angeleitet und trainiert werden. Daneben existieren natuerlich unzaehlige Privatmodelle, die zur Orientierung verwendet werden. Es geht mir hier nicht um das "richtige" Modell, sondern nur darum, DASS wir mit Vorstellungen und Modellen arbeiten um einen Zugang zur Bewaeltigung neuer Situationen zu oeffenen. Beim Slacklinen geht es demnach darum, mittels diverser Sinneseindruecke (visuell, haptisch, proprioceptiv, etc.) den Gleichgewichtszustand wahrzunehmen, bzw. mittels antizipatorischer Ausgleichshandlungen herzustellen. Diese vorstellungsgeleitete, oder modellorientierte Herangehensweise erzeugt die Kriterien und Anforderungen anhand derer in einem rueckkoppelnden Prozess Handeln konkretisiert (also bewertbar und veraenderbar) wird. Aus dem so gewonnenen Anforderungprofil ergibt sich in der Folge der typische Charakter konventioneller Uebungsanleitungen und Trainigsprogramme: sie sind aus einer objektiven Perspektive formuliert, also aus der Perspektive eines ausserhalb des Beobachtenten stehenden Beobachters. Die Hoffnung besteht darin, dass der Uebende durch das Befolgen einer Handlungsanweisung so disponiert wird, dass Lernen einsetzt. |
| Lern-Konvention | Lernen kann phenomenologisch auf verschiedenen Ebenen beobachtet werden: etwa einer neurologischen, auf der mittels wiederholter, zeitnaher Aktivierung mehrerer Neuronen neue Verknuepfungen etabliert und stabilisiert werden; auf einer sensorischen, auf der Sensibilisierung einzelner Sinne oder Synaestesie eintritt; auf einer motorischen Ebene auf der Ablauefe repetitiv geuebt und Reaktionszusammenhaenge automatisiert werden; oder einer kognitiven Ebene auf der wir mit Vorstellungen, also symbolischen Systemen operieren... Es existieren konkurrierende Theorien, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. So versteht etwa der "embodiment"- Ansatz den Koerper als den Ort der Kognition, und beschreibt Kognition als im Koerperumfeld situiertes Verhalten. Einzelne Aspekte des embodiment-Ansatzes finde ich problemlos nachvollziehbar, andere basieren meineserachtens auf einer (koerperzentrierten) Koerper-Geist Dichotomie, waehrend ich eher dazu tendiere den Koerper/Umwelt-Komplex als eine Vorstellung, also ein Produkt der Kognition zu begreifen. Die konventionelle Praxis koerperlichen Lernens basiert auf der Vorstellung eines Koerpers, ausgestattetet mit verschiedenen Faehigkeiten, die mittels entsprechender Uebung modifiziert, optimiert oder erweitert werden koennen. Viele Faehigkeiten beziehen sich auf Aspekte (Objekte, Eigenschaften) einer Umwelt in welcher sich der Koerper befindet und zu welchen er sich spezifisch verhaelt (Gleitschirm in unterschiedlichen Windverhaeltnissen, Instrument in einem Orchester, Auto im Verkehr). Wer etwas erlernen moechte, vertraut sich ueblicherweise einer mehr oder minder formalisierten und instruierten Pragmatik an und orientiert sich an Vorbildern oder gewuenschten (Teil-) Zielen. Die typische Form des Uebens ist die Wiederholung; der Ablauf geht vom Einzelnen zum Ganzen und vom Einfachen zum Schwierigen. Soweit kognitive Intervention im Lernprozess ueberhaupt explizit wird, operiert sie mit den in die Taetigkeit involvierten Umwelt- und Koerperteilen als Objekten und deren Beziehungen zueinander. Der typische Lehrer setzt nicht direkt auf die Einsicht des Lernenden, sondern auf die korrekte Ausfuehrung von Anweisungen, die sodann als Zeichen fuer erfolgte Einsicht gilt. Noch weiter geht die verbreiteten Ansicht, dass eine koerperliche Faehigkeit unbewusst und somit auch der Lernprozess moeglichst unbewusst erfolgen sollte. Je spezifischer der Zweck und je enger die Ziele definiert sind, als desto effizienter erweist sich diese Methode/Methodik. Das konventionelle Lernen basiert auf einer Reihe weiterer Hypothesen, etwa wird nach wie vor fuer Lernende ab einem gewissen Alter nicht nur die koerperliche Leistungsfaehigkeit, sondern auch das Lernvermoegen nicht sehr optimistisch eingeschaetzt. |
| Selbstversuch | Dies ist keine Karikatur, sondern in unzaehligen Lernbereichen gaengige Praxis. Dennoch wird gelernt. Die Frage ist wie. Offenbar ganz wesentlich durch gleichzeitiges, selbstgesteuertes Lernen. Fuer den Selbstversuchs stellte ich einige Bedingungen und lose Regeln auf: Obwohl ich Meister auf der Slackline gesehen hatte, wollte ich ohne grosse Vorbilder oder Ziele vorgehen und auch nicht moeglichst schnell vorankommen. Im Durchschnitt habe ich mich nur etwa 10 min pro Tag an der Slackline versucht, immer wieder mit mehrtaegigen Pausen. Es sollte keinen mittel- oder langfristigen Trainingsplan geben. Bewusst langsames Vorgehen sollte Zeit geben, einzelnen Fragen nachzugehen und interessante Aspekte genauer zu untersuchen. Mehr Zeit als fuer die praktische Uebung verwendete ich fuer die kognitive Aufarbeitung, die Kommentierung der Eindruecke, Literatursuche und Auswertung, die Formulierung einiger kleiner Thesen. Somit stellt sich der koerperliche Lernfortschritt - naemlich, dass ich mittlerweile in der Lage bin einige Zeit auf der schwankenden Leine auf und abzulaufen - eher als Spinoff des Projekts dar. Aber so sollte es ja immer sein... |
AlsoIm Folgenden einige authentische Kommentare aus dem Protokoll:
Im folgenden behandle ich einige Themen, die mir in Hinblick auf Lernen relevant erscheinen: |
|
| Balancier-System | Das Balancier-System ist eine spezifischer Koerpervorstellung. Sie inkludiert das Balanciergeraet (die konkrete Leine und konkrete Aufhaengung, die die spezifischen Eigenschaften bestimmen). Dies entspricht in gewisser Weisen der "Situiertheit" des Koerpers in embodiment-Ansaetzen, mit dem Unterschied der Inkludierung des direkten Interaktionsumfelds in die Koerpervorstellung, bzw der Exkludierung der in einem Interaktionkontext unbeteiligten Umfelds- und Interaktionsaspekte. Gegenueber der ueblicherweise integrativen, kanonischen, systematisierten Koerpervorstellung ist dies ein dynamisches Modell. Ausgleichshandlungen haben einen kumulativen Charakter, dh. dass Ausgleichsbewegungen andere Ausgleichsbewegungen beeinflussen, sodass man (praktisch) nicht mit Einzelbewegungen, sondern nur mit deren Summe operieren kann. Insbesondere gilt dies auch fuer den Einfluss der Umgebung (also zb. dem Verhalten der Slackline): eine Ausgleichsbewegung beeinflusst die Schwingung der Leine und diese beeinflusst rueckwirkend die Ausgleichsbewegung. Ausserdem ist das Slacklinen zeitkritisch, d.h. reines Reagieren auf Sinneswahrnehmungen kommt zu spaet. Somit muessen auf verschiedenen Ebenen feed-forward-Mechanismen genutzt werden, die Zeit einsparen: die Entwicklung eines Vorwissens ueber die verschiedenen Eigenschaften des Systems, das Vorhersehen von Kausalitaeten, die Vorauswahl von bestimmten Reaktionen auf bestimmte Ereignisse, etc.; mit einem Wort: Antizipation Das Verhalten der Slackline und die Interaktionen des Slackliners bilden also ein Gesamtsystem. Allgemeiner ausgedrueckt: Umwelt ist Teil des Koerpers. Und zwar nicht nur im McLuhanschen Sinne als Extension, sondern als integrative, strukturelle Vernetzung (oder strukturelle Kopplung, wie die Konstruktivisten sagen). Eine Optimierung (also Ueben) setzt also sinnvollerweise nicht an einer objektivierten Realitaet an (z.b. Handlungsaenderung aufgrund physiologischer Analyse), sondern versucht direkt in den kumulativen Prozess strukturierend und steuernd einzugreifen. Fuer das Lernen ist unerheblich zu entscheiden, ob zb. der Koerper die Leine oder die Leine den Koerper auslenkt. Vielmehr geht es darum aus dem kombinatorischen Verhalten einen neuen senso-motorischen Komplex zu entwickeln, der nur im Gesamtsystem (hier im Balancier-System) existiert und dieses steuerbar macht. Waehrend also die Empirik (zb. die Sportphysiologie) aus messtechnischen Gruenden einzelne Koerperfunktionen und damit den Koerper als solchen vom Interaktionsgegenstand, also der relevanten Umwelt trennt, geht das Lernen synthetisch und integrativ vor, es bildet subjektive und weiter modifizierbare Integritaeten aus. Der Koerper ist eine dynamische Vorstellung, die die Wahrnehmungen, die ein Gehirn produziert, konzeptuell plausibel macht. Der Koerper (bzw. die Koerpervorstellung) ist also ein selbstorganisierendes Speicherkonzept das Wahrnehmungen assoziativ verknuepft und relevante Systemzustaende symbolisch markiert. Allerdings wenn ein Gehirn handeln moechte, dann moechte es, dass der Koerper transparent wird und sich die Intension direkt in die Wirkung transformiert, moeglichst ohne Behinderung durch den Koerper (bzw. die Koerpervorstellung). Manche Musikergehirne koennen das. |
| Angst | Am Anfang des Lernens steht Angst, neurobiologisch durch das Fehlen entsprechender neuronaler Verknuepfungen erklaert. Zunaechst entsteht Verwirrung darueber, wie man sich in einer neuartigen Situation verhaelt, nachdem erste Versuche oder Vorstellungen sich als inadaequat erwiesen haben und einem klar wird, dass man weder adaequate Verhaltensweisen kennt, noch die Konsequenzen inadaequater Verhaltensweisen: also potentielle Gefahren. Kommt dann noch Druck hinzu entsteht Angst. Am signifikantesten in meinen Slackline-Anfaengen war das heftige Schwingen in das Leine und Koerper ploetzlich verfallen, denn es gab bislang nichts, was mit dieser lateralen Rotationsdynamik vergleichbar waere. Gelegentliche Stuerze sind so blitzartig, dass ich nicht nachvollziehen kann, wie genau und warum sie passieren. Vergleichbar am ehesten noch mit Schwindel. Mittlerweile habe ich dieses Schwingen einigermassen im Griff, ohne genau sagen zu koennen wie. Irgendwann kam ich auf die Idee, das Schwingen durch absichtliches, noch staerkeres seitliches Schwingen zu "ueberwaeltigen". Tatsaechlich gelang es zunehmend besser dieses Schwingen zu kontrollieren. Moeglicherweise wird dieses wilde Schwingen durch rein reaktive Ausgleichsbewegungen erzeugt, die das Schwingen weiter verstaerken, weil sie staendig zu spaet kommen. Wenn absichtliches, starkes Schwingen diese Schwingung deutlich ueberlagert, dann kann daraus offensichtlich allmaehlich Kontrolle entwickelt werden. Angst (z.b. aufgrund tatsaechlicher oder vorgestellter Stuerze) bewirkt die Entwicklung von Vermeidungsstrategien, die mit Verhaltensoptimierungen interferieren. Hier hilft die Entwicklung eines (Angst-)Kompensationsmodus, also beispielsweise eine Art euphorischer Wagemut, mit dem man sich in die beaengstigende Situation stuerzt. Eine durch Angst hervorgerufene Blockade laesst sich loesen, z.b. indem man sich darauf konzentriert, sich moeglichst stilistisch schoen zu bewegen. |
| Lernen | Der konventionelle Begriff von Lernen ist die utiliaristische Rueckrechnung von einem Problem auf ein Verhalten. Spitzer sagt da schon besser: Lernen ist die Spur des Gebrauchs des Gehirns. Auch fuer mich, den Lernenden selbst sieht es gelegentlich so aus, als wuerde es sich um rein physiologisches Lernen handeln, da die kognitive Beteiligung am Lernen im Lernerfolg nicht explizit wird und schwierig explizit zu machen ist (schon aus Ermangelung geeigneter Begriffe). Aber auch koerperliches Lernen muss ein kognitionsgesteuerter Prozess sein, da er in einer laufenden Reorganization von sensomotorischen Aktivitaeten die fuer den Lerngegenstand spezifischen Merkmale, Zusammenhaenge und Anschlusshandlungen herausbildet, validiert und standardisiert. Lernen wird immer noch gern anhand der Vorstellung von einzelnen Neuronen beschrieben (Eric Kandel-Film), die auf wenige Stimuli hin neue Synapsen bilden, was suggeriert, es handle sich um eine nachvollziehbare Kausalitaetskette. Ein geeigneteres Modell zum Verstaendnis von Lernen betrachtet dieses singulaere Phaenomen innerhalb eines Feedbackprozesses, der sich zudem hierarchisch organisiert und bei dem alle beteiligten Elemente und Qualitaeten moegliche Kandidaten fuer prozessbedingte Veraenderungen sind. Dabei emergieren Differenzverarbeitungspotentiale, die offenbar die vielschichtige Unterscheidungs- und Interaktionsfaehigkeit ermoeglichen, mit der wir zb. balancieren. Auf diese Modellvorstellung bezieht sich mein Titel: wie sich das Denken im Koerper die Mitte sucht... Der embodiment-Ansatz suggeriert (und dieser Eindruck wird in der Literatur vielfach bestaetigt), man koenne kognitive Prozesse letztlich ignorieren, etwa mit dem Argument, dass ein Pianist im wesentlichen koerperlich automatisiert spielt und seinem Spiel quasi wie jemand im Publikum von aussen zuhoert. Sozusagen Automatismus als senso-motorischer Kurzschluss. Dem moechte ich als Musiker vehement widersprechen. Die Bewegung der Beine eines kopflosen Huhns wuerde ich nicht als Fortbewegung bezeichnen (bestenfalls als koerperliche Erinnerung an Fortbewegung). Zunaechst steckt der kognitive Anteil erlernter Automatismen in deren Aquisition, Optimierung und Modifikation. Zweitens entsteht der Sinn der Automatisation auch auf einer hoeheren Ebene, auf der sie die freiwerdenden (kognitiven) Kapazitaeten fuer andere Funktionen freistellt. Drittens sind Automatismen, wie sie bei Sportlern, Musikern, etc. oberflaechlich gesehen zu dominieren scheinen, tatsaechlich wesentlich komplexere Programme, die u.a. zu Adaption an neue Verhaeltnisse, oder zu Fehlerkorrektur in der Lage sind. Ich vermute, dass manche Automatismen primaer aus Gruenden des Zeitmanagement entstehen, um mittels groesserer Handlungskomplexe Echtzeitkontrolle zu ermoeglichen. Auch die Rhytmisierung ist ein Verfahren, das die Kognition aus der Generierung der Einzelaktion entlaesst, aber ueber die Differenz zum Muster Kontrolle beibehaelt. |
| Embodiment | Der Koerper ist das Mileau fuer kognitive Prozesse (Varela), dem kann ich insofern zustimmen, als ich den Koerper als eine Vorstellung sehe, die als Speichermedium fuer verschiedene von der Kognition externalisierte Prozesse dient und rueckwirkend ist diese Vorstellung ein kontextuelles Mileau fuer die Kognition. Embodied Cognition (Anderson) besagt dass Kognition durch einen adaptiven Prozess der Anpassung an bestimmte Environments entstand. Allerdings werden sensomotorische Signaldaten (die Anderson der physischen Welt zurechnet) spaetestens, wenn sie kognitiv verarbeitet werden kognitive Daten, egal ob sie tatsaechlich von physischen Sensoren stammen oder nicht. Sinnesdaten werden nicht selten vom kognitiven System selbst erzeugt (siehe z.b. Roth: Sensorik und zentrale Verarbeitung gehen im Gehirn gleitend ineinander ueber). |
| Vorstellung, Visualisierung | Der Schluessel zum Lernen sind Vorstellungen die wir uns ueber Zusammenhaenge machen. Vorstellungen sind nicht notwendigerweise sprachliche Konstrukte, sondern koennen sich in gleicher Weise als bildliche, raeumliche, emotionale oder daraus kombinierte Modelle darstellen. Studien legen nahe, dass die Vorstellung einer Aktion die Aktion ersetzen kann (zb. die detaillierte Vorstellung von Essen verringert das Hungergefuehl mittels Habituierung).
|
| Spiele erfinden | Lernen ist die kognitionsgesteuerte Entwicklung einer speziellen oder erweiterten Wahrnehmung, die obwohl sie kognitiver Natur ist als Koerpermechanismus ausgelagert wird. Die Wahrnehmung wiederum ist der Antagonist der Kognition indem sie der Kognition die (als Koerpervorstellung) kontextualisierten systemischen Bedingungen zuspielt. Letztlich spielt die Kognition mit verschiedenen Erscheinungsformen ihrer selbst. Daraus laesst sich eine Lernmethode ableiten: selbstgesteuertes Spieleerfinden. Kleinkinder scheinen so zu spielen und Entwickler neuer Taetigkeiten: Es geht darum aus dem aktuellen Umfeld heraus, mit den vorhandenen Dingen, Techniken und Faehigkeiten kleine Spiele zu definieren, die eine zentrale Handlung oder Aufgabe besitzen und ein Kriterium. Damit sind diese Spiele kleine Feedbackmaschinen, die wiederverwendbare Erkenntnisse produzieren. Sie werden nur solange gespielt bis das Ergebnis klar ist, dann werden sie modifiziert, oder durch andere ersetzt, veraendern laufend ihren Kontext. Dieses Spieleerfinden ist nicht zu verwechseln mit anderen Spielformen. Wesentlich ist, dass auch mit der Form und den Regeln gespielt wird. Somit laeuft neben dem inneren unmittelbaren Spiel stets ein aeusseres Spiel auf der Metaebene der Spielgestaltung und Spiellogik mit und liefert die Vertikalbeziehung zwischen Spiel und Sinn. Sozusagen die vertikale Anschlussbedingung, die dem Selbstgespraech die reflektive Dimension verleiht. Das Sprechen ueber das Spiel erfordert eine Sprache - nicht notwendigerweise eine Lautsprache - die sich mit dem Spieleerfinden mitentwickelt, sodass schliesslich das Spielen die Offenheit und Interaktionskomplexitaet eines Sprachsystems erreicht.
|
| Zum Ende dieser Berichterstattung moechte ich noch kurz auf die eingangs erwaehnte Entwicklung elektronischer Umgebungen eingehen: wir finden kaum Software, die derartige Anforderungen erfuellt. Am ehesten sind es Programmierumgebungen, die eine vergleichbare Offenheit und Interaktionskomplexitaet bieten (ich erinnere an Seymor Paperts Sprache LOGO in den 80er Jahren). Das gegenwaertige Paradigma (also Micro-Applikationen) geht in die entgegengesetzte Richtung: die Entscheidung welche Interaktion ich setze ist zunehmend die Kaufentscheidung, welche Applikation ich dafuer brauche. | |
Slackmoves: Bewegungsdetection bewegter Koerperteile |
|
subtitle |
text |
Footnotes |
[1] |